Appell

Bildungswende JETZT !

4 Forderungen für ein gerechtes, zukunftsfähiges und
inklusives Bildungssystem, das auf die Zukunft vorbereitet!

Wir Fordern

1. Schule und Kita INKLUSIV und ZUKUNFTSFÄHIG machen
  • wohnortnahe Kita- und Schulplätze für alle – unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Behinderung
  • Lehrpläne reformieren: diskriminierungskritisch, schüler*innenorientiert, mit Raum für persönliche Entwicklung.
  • weniger Vergleichsarbeiten – mehr alternative, individuelle Leistungsbewertungen
  • Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) verbindlich verankern
  • nachhaltige Schulentwicklung durch qualifizierte Aus- und Fortbildung stärken
  • multiprofessionelle Teams dauerhaft in Kitas und Schulen etablieren
  • Das Bildungssystem muss sich an den Menschen orientieren – nicht umgekehrt!
2. Ausbildungsoffensive für Erzieher*innen und Lehrkräfte
  • attraktive Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sowie ausreichend Ausbildungsplätze für pädagogisches Personal
  • Staatsvertrag zur Lehrkräftebildung: länderübergreifende Standards und gegenseitige Anerkennung der Abschlüsse
  • Lehramtsstudium praxisnäher gestalten und neue Zugänge ins Lehramt schaffen
3. Investitionen sichern – Bildung finanziell absichern
  • mind. 100 Mrd. € aus einem Sondervermögen für Investitionen in Kita und Schule
  • Startchancenprogramm ausweiten: flächendeckend, unbefristet, auch für Kitas
  • 10 % des BIP jährlich für Bildung & Forschung – wie 2008 beschlossen
4. Bildungsgipfel auf Augenhöhe
  • Einberufung eines bundesweiten Bildungsgipfels durch den Bundeskanzler – gemeinsam mit Ländern, Zivilgesellschaft und Bildungspraxis, um konkrete Lösungen für die Bildungskrise zu entwickeln

Der Appell im Wortlaut

Sehr geehrter Bundeskanzler Friedrich Merz,
sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung,
der Landesregierungen und des Deutschen Bundestags,
sehr geehrte Mitglieder der Kultusministerkonferenz,

wir stehen vor einer der größten Bildungskrisen der Nachkriegszeit. Der eklatante Mangel an Lehrkräften und Erzieher*innen trifft auf ein unterfinanziertes, überlastetes und veraltetes Bildungssystem. Dieses System verfestigt soziale Ungleichheiten, statt sie abzubauen, und ist den Herausforderungen der Zukunft – wie Inklusion, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Bildungsgerechtigkeit – strukturell nicht gewachsen.

Die Folgen sind dramatisch:

  • Bundesweit fehlen über 300.000 Erzieher*innen und fast 160.000 Lehrkräfte bis 2035.
  • Tausende Kitas und Schulen können ihren Bildungsauftrag nicht mehr erfüllen.
  • Jährlich verlassen rund 50.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss.
  • Schüler*innenleistungen verschlechtern sich messbar (IGLU, PISA).
  • Soziale Herkunft bestimmt weiterhin maßgeblich den Bildungserfolg – mit Folgen für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Demokratie.

Gleichzeitig verschärft die Bildungskrise weitere zentrale Probleme: Sie behindert die Förderung von Zukunftskompetenzen, erschwert die gesellschaftliche Teilhabe junger Menschen, verstärkt den Fachkräftemangel und blockiert notwendige Beiträge zur Bekämpfung der Klima- und Biodiversitätskrise.

Trotz Warnungen und Handlungsempfehlungen geschieht zu wenig.

Das Ziel, 10 % des BIP für Bildung und Forschung aufzuwenden, wurde 2008 beschlossen – und nie erreicht. Die Vorschläge der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) greifen zu kurz und verlagern die Last auf die Beschäftigten. Es fehlt an wirksamen Maßnahmen, die das System grundlegend verändern.

Wir fordern eine echte Bildungswende:

  • faire Finanzierung von frühkindlicher Bildung bis zur Hochschule
  • positive Arbeitsbedingungen und mehr Fachkräfte
  • Chancengleichheit unabhängig von Herkunft
  • in modernes Bildungssystem, das auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorbereitet

Wir, Lehrkräfte, Erzieher*innen, Schüler*innen, Eltern, Wissenschaftler*innen, Gewerkschaften, Bildungsinitiativen und Einzelpersonen, appellieren an Sie:

Handeln Sie jetzt – für ein gerechtes, inklusives und zukunftsfähiges Bildungssystem!


Erste Version des Appells (2023-2026)

Sehr geehrter Bundeskanzler Olaf Scholz,
sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung und des Deutschen Bundestags, sehr geehrte Regierungschef*innen der Länder,
sehr geehrte Mitglieder der Kultusministerkonferenz,

unsere Gesellschaft erlebt aktuell eine der schwersten Bildungskrisen seit Gründung der Bun- desrepublik. Ein enormer und sich vergrößernder Mangel an Lehrer*innen und Erzieher*innen trifft auf ein veraltetes, unterfinanziertes und segregiertes Bildungssystem, das sozial ungerecht ist. Kin- der und Jugendliche werden viel zu oft nicht ausreichend auf die Zukunft vorbereitet, und notwendige Aufgaben wie Digitalisierung und Inklusion wurden viel zu lange verschlafen.

Welche Entscheidungen Sie in den nächsten Wochen und Monaten treffen, hat maßgeblichen Ein- fluss auf die Bildungsbiografien, Zukunftschancen und Lern- und Arbeitsbedingungen von hundert- tausenden Schüler*innen und Beschäftigten sowie auf die Frage, ob sich die soziale Spaltung weiter verschärft oder ihr entgegen gewirkt wird.

Wir appellieren als Lehrkräfte, Erzieher*innen, Schüler*innen, Eltern, Studierende und Wis- senschaftler*innen sowie Gewerkschaften, Bildungsorganisationen und -initiativen an Sie, jetzt die Weichen für ein gerechtes und inklusives Bildungssystem zu stellen, das auf die Zukunft vorbereitet!

Bildung beginnt bereits vor der Schule, die Krise auch: Bundesweit fehlen hunderttausende Kita- plätze und über 300.000 Erzieher*innen, um eine ausreichende Versorgung und einen angemesse- nen Betreuungsschlüssel zu gewährleisten. An den Schulen fehlen bis 2035 knapp 160.000 Leh- rer*innen.

Die Bildungskrise hat Folgen

Viele Kitas und Schulen beklagen, dass sie aufgrund der nicht kindgerechten Personalausstattung und der Überlastung ihren Bildungsauftrag nicht mehr erfüllen können. Knapp 50.000 junge Men- schen verlassen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss. Schlechte Lernbedingungen erzeugen schlechte Leistungen. Schüler*innen lesen, schreiben und rechnen immer schlechter, wie der jüng- ste IQB-Bildungstrend zeigt.

Dabei hängt der Bildungserfolg in unserer Gesellschaft immer noch maßgeblich von der sozialen Herkunft ab. Bildungschancen sind extrem ungleich verteilt und der wachsende Mangel an Lehrkräf- ten und Erzieher*innen verschärft diese bereits bestehende Ungleichheit weiter.

Die Bildungskrise raubt Kindern und Jugendlichen Zukunftschancen, verbaut ihnen Lebenswege und erschwert gesellschaftliche Teilhabe. Sie belastet ganze Familien sowie die Gesundheit von Erzieher*innen und Lehrer*innen. Die gesellschaftlichen Folgen der sich ausbreitenden Bildungs- krise sind enorm. Eine hohe Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft verfestigt die Spaltung unserer Gesellschaft und beschädigt das Vertrauen in die Demokratie. Der Fachkräf- temangel verschärft sich und Armut wird reproduziert.

Neben den sozialen und wirtschaftlichen Folgekosten stellt sich auch die Frage nach den ökolo- gischen Herausforderungen. Schließlich erleben wir neben der Bildungskrise eine Klimakrise, die unsere gesamte Gesellschaft vor existentielle Herausforderungen stellt. Das Bildungssystem muss Zukunftskompetenzen fördern und den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst werden, allen voran der Klima- und Biodiversitätskrise, aber auch dem veränderten Umgang mit Wissen und Medien.

Doch wie soll ein veraltetes und überlastetes Bildungssystem junge Menschen sinnvoll auf die Zu- kunft vorbereiten und einen substanziellen und notwendigen Beitrag zur Bekämpfung des Klima- wandels leisten, wenn dafür im Alltag in Kita und Schule kaum Zeit bleibt?

Eine echte Bildungswende statt weiter Löcher zu stopfen

Umso fataler ist, dass die zahlreichen Mahnungen und Interventionen von Seiten der Zivilgesell- schaft bisher nicht zu einem Umsteuern bei Ihnen, den maßgeblichen politischen Entscheidungsträ- ger*innen im Bund und in den Ländern, geführt haben. Wir müssen uns sogar fragen, ob Sie bereits formulierte Bildungsziele nicht einmal selbst ernst nehmen? 2008 hat die Bundesregierung auf dem Dresdner Bildungsgipfel beschlossen, zukünftig 10% des BIP (Bruttoinlandsprodukt) für Bildung (7%) & Forschung (3%) auszugeben. Fast 15 Jahre später ist dieses Ziel nicht erreicht und wieder in Vergessenheit geraten.

Die jüngsten Empfehlungen der ständigen wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusminis- terkonferenz (KMK) vom Januar 2023 sind größtenteils dysfunktional: Mehrarbeit, die Einschrän- kung von Teilzeit und ein bisschen Yoga als Stress-Ausgleich. Wir stellen uns dagegen, den Lehr- kräftemangel auf dem Rücken der Beschäftigten auszutragen. Umso erschreckender ist, dass ein Teil dieser Vorschläge in manchen Bundesländern gerade Realität wird.

Der sogenannte „Bildungsgipfel“ vom März 2023 hat ebenso wenig zur Lösung der Bildungskrise beigetragen, sondern vor allem die zerrüttete Bund-Länder-Kooperation im Bildungsbereich und das mangelhafte Verständnis von Partizipation auf Seiten der politischen Verantwortlichen offenbart. Bei diesem Gipfel, der gerade einmal drei Stunden dauerte, kam so gut wie niemand zu Wort, der oder die aktuell täglich in einer Schule oder Kita lernt oder arbeitet.

Wer die Bildungskrise lösen will, muss Druck aus dem überlasteten System nehmen und die Leute beteiligen, die tagtäglich direkt mit Kita und Schule in Berührung sind.

Wir fordern eine echte Bildungswende, hin zu einem gerechten, inklusiven und zukunftsfähigen Bil- dungssystem. Einem Bildungssystem, das sich an die Bedürfnisse der Schüler*innen und der Be- schäftigten anpasst anstatt die Krise auf dem Rücken der Beschäftigten, Schüler*innen und Familien auszutragen. Einem Bildungssystem, das sich gegen die gesellschaftliche Spaltung stemmt, anstatt sie zu fördern.

Wir sind überzeugt, dass unsere Gesellschaft diesen Weg nur einschlagen kann, wenn Sie zeitnahe und mutige politische Entscheidungen treffen.